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Naturschutzpaket: EU gefährdet Landwirte existenziell

Wenn mich etwas gleichzeitig fürchterlich nervt und wirklich besorgt, dann ist es die hemmungslose Instrumentalisierung von halbgaren wissenschaftlichen Erkenntnissen, wenn und wie sie einem gerade in den Kram passen. Und umgekehrt die ignorante Missachtung von wissenschaftlichen Hinweisen, die eben nicht in den eigenen ideologischen Kram passen. Und wenn das dann auch noch benutzt wird, um mit dem Finger auf vermeintliche Sündenbücke zu zeigen, die man darauf ordentlich in die nicht minder vermeintliche Pflicht nehmen kann, dann platzt mir wirklich der Kragen.
Ganz besonders beliebte Sündenböcke sind immer wieder die Landwirte. Und bei denen ärgert es mich sogar besonders. Von allen möglichen Seiten wirtschaftlich unter Druck, zudem noch so stark durch Vorschriften eingezwängt, dass kaum Bewegungsfreiheit bleibt, sollen sie, egal wie die Saison läuft, günstig qualitativ hochwertige Produkte abliefern, damit wir Verbraucher uns aus einem stabilen reichhaltigen Angebot zu günstigen Preisen bedienen können. Dafür dürfen die Landwirte sich im Gegenzug auch krank arbeiten und auf Urlaub verzichten.
Und nun sollen sie nach dem Willen der EU-Kommission also noch eine Extrapackung Druck kriegen, denn sie gelten als ganz böse Insektenvernichter, insbesondere Bienenvernichter, und das hat nun aufzuhören. Was ist überhaupt dran?
Im Jahr 2017 hatte die ZEIT als eine von vielen Zeitungen Dramatisches zum Thema Insektensterben getitelt. „Ein ökologisches Armageddon“ lautete die Überschrift eines Artikels, der über eine Studie informierte, die einen 75-prozentigen Insektenschwund innerhalb von 27 Jahren festgestellt haben will. Ein Krefelder Insektenkundler-Verein, durchaus mit einigen Experten ausgestattet, hatte in einem räumlich sehr begrenzten Gebiet über Jahre Insekten gefangen und gezählt, und ein Wissenschaftsmagazin hatte das Ergebnis veröffentlicht. Es wurde sodann medial munter hochgerechnet auf das gesamte Land, die Horrornachricht war in der Welt und die Dinge nahmen ihren Lauf.
Obwohl recht schnell Zweifel aufkamen, insbesondere in Bezug auf die Hochrechnung, denn es war nur eine winzige Fläche mit sehr speziellen Gegebenheiten untersucht worden, brauchte es bis 2020, bis der falsche Eindruck korrigiert werden konnte. Die Horror-Größenordnung spukt allerdings immer noch herum, sogar auf der Homepage des Bundesumweltministeriums, und nicht nur dort, wie wir noch sehen werden. Tatsächlich sind es etwa 0,9 Prozent, die der Bestand an landlebenden Insekten jährlich schrumpft, weit entfernt von der 75-Prozent-Befürchtung, aber natürlich immer noch besorgniserregend. Verschiedene Gründe werden vermutet. Was genau wie stark wirkt, ist nicht ganz klar, aber natürlich bringt letztlich der Mensch die Natur in Bedrängnis, und das ist auch nicht komplett vermeidbar.
Wurden bisher alle denkbaren Ursachen ergebnisoffen geprüft? Schauen wir mal.
2018 erschien eine Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt zur Insektenvernichtung durch die Rotorblätter von Windrädern. 1200 Tonnen (!) Insekten pro Jahr kommen so demnach zu Tode. Wurde das als mögliche mitverantwortliche Ursache ernsthaft geprüft und in der von den Verfassern der Studie zum Schaden durch Windräder empfohlenen Richtung weiter geforscht? Nein, es wurde sofort relativiert: Waldvögel fressen viel mehr Insekten, die Studie sei dünn (sagen übrigens dieselben Truppen, die wegen drei Krefelder Freizeitforschern die Insektenapokalypse sahen) und überhaupt seien ja womöglich nur wandernde Arten betroffen (ach so, dann ist es ja egal?).
Eine weitere vermutete Ursache für den Insektenrückgang – und zwar mit starkem Effekt – ist der Lebensraumverlust unter anderem durch die Versiegelung von Landschaftsräumen durch die Ausweitung von Wohn- und Gewerbegebieten, die Verbreiterung von Straßen, monotone Gartengestaltung und vieles mehr. Was genau wie wirkt, ist noch unklar. Wird hier mit Nachdruck geforscht? Was ist vor allem ursächlich? Wie kann man die Folgen mit vertretbarem Aufwand begrenzen? Wie stark ist der Effekt? Wissen wir da inzwischen erheblich mehr? Hier wäre weiterhin viel zu erforschen.
Die Lieblingsbösewichte, die konventionellen Landwirte, sind allerdings bereits auserkoren, um das Problem zu lösen. Sie sollen durch weitere Vorgaben und Einschränkungen geschädigte Ökosysteme wiederherstellen. Die Schuldigen sind gefunden. Und weil Dramatik sich immer gut macht, wenn man scharfe Maßnahmen verordnen will, kommt auch wieder eine doch eigentlich überholte Horrordimension zum Einsatz. EU-Umweltkommissar Virginijus Sinkevičius sagte im Interview mit dem EU-Magazin „Playbook“ doch glatt: „Wir befinden uns inmitten eines sechsten Massensterbens, mit 1 Million Arten am Rande des Zusammenbruchs.“ Im selben Interview ist redaktionell von einem 80-prozentigem Rückgang seit Ende der 90er Jahre die Rede. Grüßt da etwa, ein wenig aufgerundet, wieder das Krefelder Freizeitforscher-Team?
Das Naturschutz-Gesetzespaket der EU-Kommission stellt die Agrar- und Forstwirtschaft vor riesige Probleme. Macht ja nichts, sollen sie halt sehen, wie sie klarkommen. Die EU ist für die Ziele zuständig, die „Auserwählten“ für die Lösungen. So einfach ist das.
Nun bestreiten selbst Agrarwissenschaftler nicht, dass die heutige Form der Landwirtschaft keine Wohltat für die Artenvielfalt ist. Hat denn die EU-Kommission auch mal dazu geforscht, warum die moderne Landwirtschaft ist, wie sie ist, was die EU selbst durch jahrzehntelange verfehlte Agrarpolitik damit zu tun hat und wo überhaupt die Landwirtschaft ihrerseits Umsteuerungsmöglichkeiten hat? Haben die Landwirte denn unter den ihnen von außen vorgegebenen wirtschaftlichen Zwängen überhaupt irgendeine Wahl? Die Versorgung der Bevölkerung zu bezahlbaren Preisen ist schließlich gewünscht. Wäre ganz Deutschland als Biolandwirtschaft organisiert, hätten wir keine Chance, den Bedarf zu decken. Auch das gehört zu einer realistischen Einschätzung.
Übrigens: Als Grund für den extremen Insektenrückgang in der Krefelder Horrorstudie, die sogar weltweit Aufsehen erregte und in deren Folge dann auch schnell die böse konventionelle Landwirtschaft als Täter ins Spiel kam, wird auch eine Naturschutzmaßnahme diskutiert, eine sogenannte Wiedervernässung, die damals womöglich den Lebensraum der bodenbrütenden Insekten zerstörte. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, nicht wahr?
Kurzum: Bevor man sich Sündenböcke für nicht von der Hand zu weisende ökologische Probleme an falscher Stelle sucht, noch dazu dort, wo der nach wie vor größte Teil unser aller Nahrungsmittelversorgung mit harter täglicher Arbeit von morgens in aller Frühe bis in den späten Abend hinein erwirtschaftet wird, ist statt wohlfeiler und billiger voreiliger Schuldzuweisung zunächst einmal eine saubere empirische, wissenschaftlich fundierte Ursachenanalyse vorzunehmen, an der es bislang oft völlig fehlt.
Darüber hinaus muss der die Landwirtschaft immer weiter erdrosselnde Vorschriften- und Verordnungswust dringend ausgemistet statt immer weiter ausgeweitet werden. Und dann wäre es noch ein echter Fortschritt, wenn in den Brüsseler und Berliner Behördenkorridoren und Ministerbüros eine bislang nach meiner Wahrnehmung deutlich unterentwickelte Anerkennung der Arbeit in landwirtschaftlichen Betrieben, und zwar sowohl der biologischen als auch der konventionellen Landwirtschaft, Einzug hielte.

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